Wolter's Cabaret

1
Seit Wolters Tod war nichts mehr wie früher. Darin waren sich fast alle Leute einig in Mirror City. Vor allem der Gemeinnützige Frauenverein war sich einig.
»Seit Wolters Tod ist nichts mehr wie früher« sagte Mrs. Mary Morbid, Vorsitzende des Gemeinnützigen Frauenvereins, beim Fünfuhrtee zu Sheriff Shiller. »Wo führt das noch hin!«
Seit Wolters Tod sagte sie diesen Satz jeden Werktag anlässlich des Fünfuhrtees zu Sheriff Shiller. Shiller pflegte jeweils mit ernstem Gesicht zu nicken, um dann, nach einer angemessenen Pause, in seiner gemächlichen Bassstimme nachdenklich anzufügen:
»Wir sind ein freies Land.«
Aber heute war auch das nicht wie früher. Zu Mrs. Morbids großer Verblüffung, ja Erschütterung, sagte der Sheriff heute nicht »Wir sind ein freies Land«, sondern »Sophie steht auf Huge. Gar nicht so 'n übler Kerl, dieser Huge.« Er schaute sie dabei mit einer Mischung von Schuldbewusstsein und Herausforderung an.
Mrs. Morbid fiel in Ohnmacht. Der Sheriff rief eine Nachbarin mit Riechsalz und ging in sein Büro zurück, wo ein Stapel Eingaben zu erledigen war. Ein Gesuch von Wolter's Cabaret um Freinacht für die Première irgendeiner neuen Mädchentruppe und etwa dreiundachtzig Vorstöße von Mitgliedern des Gemeinnützigen Frauenvereins, die die Schließung von Wolter's forderten.
Shiller schmiss den ganzen Papierkram in den Ofen, schloss die Tür ab und holte sein Manuskript aus der Geheimschublade. Sein größtes Epos sollte es werden, eine Ballade mit dem Titel »Die Räuber«, in der ein wagemutiger Sheriff Namens Killer einer Bande von Dieben und Gangstern auf die Schliche kam, sich dann mit ihnen verbündete und Postkutschen und Banken beraubte, um die Beute unter den Armen zu verteilen. Der Sheriff war ein großer Poet, aber außer ihm selbst wollte dies niemand mehr wahrhaben. Seine Lesungen bei Wolter waren ehedem noch Anlässe von kommunaler Bedeutung gewesen, doch seit Wolter tot war, schien seine Art der Poesie endgültig zum Alteisen zu gehören. Ja, nichts war mehr wie früher, seit Wolter tot war.

2
Huge Ball ritt aus der Stadt, um Schießübungen zu machen. Mit seinen sechsunddreißig Jahren hatte er den Traum, Revolverheld zu werden, noch immer nicht aufgegeben. »Training ist alles«, dachte er bei sich, und er trainierte unermüdlich. Täglich. Früher hatte er jeweils versucht, auf Whiskyflaschen zu schießen, dies hatte er jedoch aufgegeben. Whiskyflaschen hatten den Nachteil, dass man sie vor dem Schießen austrinken musste. Die Leute in der Stadt nannten ihn damals »Old Flatterhand«.
Huge zielte mit seinem Sechsschüsser auf einen Hasen, den er aufgescheucht hatte, schoss, aber der Hase lief weiter. Dafür fiel eine Taube vom Himmel und traf den Hasen im Genick.
»Nicht schlecht«, dachte Huge. Nur würde es ihm keiner glauben. Eine Taube und einen Hasen mit einem Schuss erlegen, das traute man nur dem Geist von Zoppo zu.
Beim Gedanken an Zoppo hätte sich Huge beinahe in den Zeh geschossen. »Zoppo!« knirschte er. »ZOPPOOO!« schrie er und schoss sein Magazin leer.
Zoppo war der Mann, der Huge Ball zu Huge Ball gemacht hatte. Das war Jahre her, aber Huge hörte ihn noch immer, sein hämisches »He, Flatterhand!« hallte in seinem inneren Ohr nach, und er hörte ihn rufen: »Die Whiskyflasche, Flatterhand, du musst sie austrinken vor dem Schießen, sonst merkt man, dass du sie eh nicht träfst! Flatterhand, Flatterhaaant!«
Zoppos hämisches Grinsen, sein altmodischer Konjunktiv - träfst! - sein lächerlicher schwarzer Mantel, sein Getue mit diesem komischen Degen, das alles machte Huge rasend. Noch rasender machte ihn, dass Zoppo tatsächlich ein Könner war mit dem Schießeisen und außerdem bei den Frauen auch noch ankam mit seinem pubertären Gehabe. Wenn er seinen pseudospanischen Pomadencharme fließen ließ - er hielt sich für einen Nachkommen der Conquistadores - dann schmolzen die Mädchen reihenweise, er aber, Zoppo, wies sie alle mit einem Lächeln ab, er habe nur Augen für seine Flores Dolores. Flores Dolores hieß eigentlich Maggie Schultz und war Huge Balls Jugendschwarm gewesen.
Huge packte den Hasen und die Taube in die Satteltasche und preschte davon, zum Friedhof. Wenn der Geist von Zoppo seine Gedanken in Besitz nahm, war der Friedhof jeweils die einzige Rettung. Huge stellte sich vor den Grabstein, auf dem die Inschrift »Hier ruht der geheimnisvolle Z. - Gott habe ihn selig« kaum mehr zu lesen war. Dieser verdammte Scheißer hatte auch noch seine Grabinschrift selber verfasst. Huge fasste den Stein genau ins Auge, sagte »Zieh, du Niete!«, zog und schoss, aber er hatte noch nicht nachgeladen, der Colt klickte nur. Das machte Huge noch rasender, er sah Zoppos Geist förmlich vor sich, wie er ihm ins Gesicht grinste, »Du musst laden, bevor du schießt, laden, Flatterhand, laden, laaadeeen!«, Huge stürzte sich auf den Grabstein, der nach kurzem Kampf nachgab und umfiel. Huge fühlte sich besser.
»Grabschändung, Huge, Grabschändung ist das. Oh weh, unser lieber Huge schändet ein Grab!«
Das war nicht mehr Zoppos Geist, sondern Johnny Earp, der immer im falschen Moment auftauchte.
»Immer noch böse auf Zoppo, Huge, aber aber. Hast dich doch toll gerächt, Huge, oh weh, unser lieber Zoppo ist tot, Huge. Zigarre?«
Johnny war eine Nervensäge, aber ein wirklich lieber Kerl. Und ein großer Künstler, davon war Huge überzeugt. Ohne Neid. Huge arbeitete gern mit ihm zusammen, und die Performances, die Johnny regelmäßig in Wolter's Cabaret darbot, waren vom Feinsten.
»Johnny, was gibts Neues?«
»Also, Einiges. Emmy Henny und ihre Hühnchen kommen in die Stadt. Heute Abend Première im Wolter's. Wir sollen mit Raoul das Vorprogramm machen. Und die Morbid ist an einer Herzattacke gestorben, als ihr der Sheriff gestern abend rüberschob, dass Sophie auf dich steht.«
»Was, Sophie steht auf mich?«
»Der Sheriff sagt das, und der muss es ja wissen.« Johnny war plötzlich nicht mehr fröhlich. »Sophie, oh Sophie, mein Täubchen.«
»Ach du Scheiße.« Huge stand auf und lud seinen Colt.

3
Als Emmy Henny und ihre Truppe eintrafen, demonstrierten etwa dreißig Mitglieder des Gemeinnützigen Frauenvereins vor Wolter's Cabaret. Sie skandierten »Wir wollen keine nackten Beine!« und hielten Transparente hoch mit Aufschriften wie »Wehret dem Niedergang der Kultur in Mirror City« oder »Geht doch nach Moskau!«. Das mit Moskau war eine Anspielung auf den neuen Besitzer von Wolter's Cabaret, Zar Tristram, der behauptete, ein direkter Nachkomme Iwans des Schrecklichen zu sein. Auf dem größten Transparent stand »Mrs. Morbid - gefallen als Märtyrerin im Kampf gegen den Verfall von Sitten und Moral«.
Zar Tristram und der Sheriff hatten alle Mühe, den Künstlerinnen einen Weg ins Haus zu bahnen. »Meine Damen, aber meine Damen!« rief der Sheriff immer wieder.
Die Damen ließen sich nicht beeindrucken. »Sheriff, beziehen Sie endlich Stellung!« rief Mrs. McCarthy. »Sind Sie für Wolter's Cabaret oder für die Moral, das ist hier die Frage. Oder haben Sie Angst vor ihrem verdorbenen Töchterchen, weil es diesem Huge nachläuft?«
Nun wurde der Sheriff echt wütend. Er war kein aufbrausender Mann, wäre auch lieber Dichter geworden als Sheriff, aber Sophie war ihm heilig. Er verdonnerte Mrs. McCarthy zu einer Buße wegen Beamtenbeleidigung und entzog dem Gemeinnützigen Frauenverein per sofort die Demonstrationsbewilligung. »Meine Damen«, rief er so laut, dass er den ganzen Lärm übertönte, »Sie haben drei Minuten Zeit, sich zu zerstreuen, ansonsten ich Sie wegen unerlaubter Zusammenrottung in Haft nehmen muss! Wir sind ein freies Land!«
»Ja, ein freies Land!« Mrs. McCarthy zitterte vor Wut und war den Tränen nahe. »Ein freies Land, Sheriff. Sie sind ein verdammter ... ein verdammter ...«
Mrs. McCarthy fand keinen geeigneten Ausdruck. Kommunisten und Anarchisten kannte man damals noch nicht, und »Negerfreund« war seit dem Ende des Bürgerkrieges als Schimpfwort etwas aus der Mode geraten. Also hyperventilierte sie noch ein bisschen und folgte dann mittels eines Kreislaufkollapses ihrer Freundin Mary Morbid in den Märtyrerinnentod.
Der Sheriff seufzte und ließ Zar Tristram ausrichten, er erwarte ihn um vier in seinem Büro.

4
Huge Ball und Johnny Earp saßen bei Raoul Houseman im Wohnzimmer, um den Auftritt am Abend zu besprechen. Raoul war der Hauspianist von Wolter's Cabaret, ein dürrer, hochgewachsener Glatzkopf Ende Vierzig. Raoul trank niemals Alkohol, aber er war ein feiner Kerl.
»Wir könnten zur Abwechslung mal Theater spielen« schlug Johnny vor. »Die Geschichte, wie Huge Ball zu Huge Ball wurde, zum Beispiel.«
Huge sah ihn giftig an. »Und wie wärs mit 'Oh weh, unser lieber Johnny ist tot', hä?«
»Mann, bist du empfindlich!«
»Hört auf.« Raoul schenkte Limonade nach. »Wenn ihr heute nicht zusammenarbeiten könnt, dann singe ich halt mal wieder die 'Seelen-Kutsche' oder sowas.«
»Sorry«, sagte Johnny, »war nicht so gemeint. Also, was machen wir?«
»Keine Lust mehr«, motzte Huge.
Raoul legte Huge die Hand auf die Schulter. »Huge, Junge, wir sind doch immer ein gutes Team gewesen seit Wolter tot ist. Also komm, nun spiel nicht den Beleidigten.«
»Keine Lust mehr«, sagte Huge.
Raoul stand auf, nahm die drei Bücher aus seinem Regal und klaubte dahinter eine fast volle Whiskyflasche hervor.
»Hier, Huge, das war meine letzte. Ich war ein ziemlicher Säufer, bis Wolter starb. Seither hab ich sie nicht mehr angerührt. Wie für dich aufgespart. Trink, Huge, und beruhige dich. Wir machen was ganz Tolles heute abend, ja? Huge!«
»Huge, Huge!« Huge stand auf. »Ja ja, was ganz Tolles. Seelen-Kutsche, ganz toll! Und erst drei Jahre alt! Wie originell! Wie innovativ! Oh weh, unser lieber X ist tot! Name einsetzen, ganz toll!« Huge wurde laut. »Toll, toll. Elefantenfalle, oh Bambifalle, oh weh, und Sophie, das Täubchen, und Emmy und die anderen, bla bla bla was tut ihr da, die Entlein! Die Entlein! Verdammt nochmal! Verdammte Scheiße nochmal, da sind Shillers Gedichte auch nicht schlechter, und Sophies Puppentheater für den Kindergarten! Ja, was ganz Tolles machen wir, Tristram wird zufrieden sein, und Emmy wird sich freuen, und alle werden sagen, ja ja genau so wollen wir es haben, vor drei Jahren war es schon ganz toll, also ist es immer noch ganz toll, verdammt nochmal! Trink, Huge, trink, denn wenn Huge besoffen ist, ist Huge lustig, nicht, Raoul?«
Raoul und Johnny schauten ziemlich betreten den Fußboden an.
»Ich glaube, wir sollten mal mit Tristram sprechen«, meinte Raoul.

5
Als Raoul und Johnny das Büro des Sheriffs betraten, saßen da Zar Tristram, Emmy Henny und eine Delegation des Gemeinnützigen Frauenvereins, eine ältliche Witwe namens Nancy Rain und die üppige Miss Mary Monroe.
»Wir haben ein Problem«, sagte der Sheriff.
»Wir auch«, erwiderte Raoul.
Der Sheriff erhob sich. »O. k., dann sind wir ja schon einen Schritt weiter. Miss Henny, darf ich vorstellen, Raoul Houseman, Pianist von Wolter's Cabaret, und Johnny Earp, Dichter. Raoul, Johnny, das ist Miss Emmy Henny.«
»Hätt ich beinah gedacht«, sagte Johnny, Raoul puffte ihm den Ellbogen in die Seite.
Mrs. Rain wandte sich an Johnny. »Um zur Sache zu kommen«, sagte sie giftig, »wir wollen nicht, dass Sie heute abend auftreten. 'Jugendkultur' in allen Ehren«, das Wort »Jugendkultur« betonte sie ganz besonders, sie zerkaute es förmlich mit ihren Stockzähnen, »'Juuuuugentkultuuuuuhr' in allen Ehren, aber nicht heute«.
Johnny war ziemlich erstaunt. »Ich hatte eigentlich gedacht, Emmy wäre Ihr Problem?«
»War«, entgegnete Mrs. Rain, »Miss Henny war unser Problem. Wir haben uns nun geeinigt, dass der Gemeinnützige Frauenverein heute abend die Vorstellung besuchen wird. Und auf 'Oh unser lieber Wie-war-nochmal-sein-Name ist tot' haben wir keine Lust mehr. Keine - Lust. Verstehen Sie, was ich meine?«
Johnny stand betreten da, schaute zuerst den Sheriff an, dann Zar Tristram. Tristram wich seinem Blick aus und paffte seine Havanna. Da kam Sophie herein und brachte Kaffee. Johnnys gesicht hellte sich auf, er stand noch immer betreten da, sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, das sich zu einem Grinsen weitete, er starrte auf Sophie, als wäre sie ein Engel des Herrn, und schien ziemlich weggetreten.
»Johnny!« sagte Raoul.
»Mr. Earp!« sagte Mrs. Rain.
»Sophie!« hauchte Johnny.

6
Schon eine halbe Stunde vor der Vorstellung war Wolter's Cabaret proppenvoll. Der Gemeinnützige Frauenverein hatte die Tische auf der Estrade reserviert, sämtliche achtundvierzig Mitglieder waren anwesend. Ihre Männer und Söhne, organisiert im Farmer- und Gewerbeverband, zogen die Tische vorne am Bühnenrand vor. Am runden Tisch in der Ecke saß wie üblich die Pokerrunde »Herzbube« bei Spiel und Schnaps. Zar Tristram wetzte mit glühendem Gesicht hinter der Theke hin und her. Den Titel »Meister des Zapfhahns« verdiente er eigentlich nicht, er trug ihn nur, weil er in Mirror City der Einzige war, der überhaupt einen Zapfhahn besaß, dafür jonglierte er aber zwischendurch mit vier halbvollen Whiskyflaschen, ohne einen Tropfen zu verschütten.
Als Huge und Johnny eintraten, wurde es für einen Moment totenstill. Johnny lief rot an und hielt sich am Türrahmen fest. Huge schien amüsiert.
»Elefantenfalle, oh Bambifalle!« rief, ja sang er in seinem Bariton in die Stille des Saales hinein. Ein Raunen hob an. Mrs. Rain machte Anstalten, sich zu erheben.
»Bleiben Sie sitzen, Mrs. Rain!« rief Huge. »Keine Elefantenfalle / Brauchen Sie zu hören heut / Weil mit ihrem Hühnchenstalle / Die Miss Emmy uns erfreut!«
Mrs. Rain war offenbar ausgezeichneter Laune, sie stand auf und entgegnete spontan: »Dass Sie uns verschonen wollen / Tut mir in der Seele wohl / Drum spendier ich einen tollen / Drink ganz ohne Alkohol!«
Der ganze Saal brach in lauten Beifall aus, mit Ausnahme der Pokerrunde »Herzbube«. Huge stieg auf die Estrade hoch und schüttelte Mrs. Rain die Hand, und Zar Tristram mixte einen Hektoliter »Bloody Nancy«, Mrs. Rains Lieblingsgetränk aus Limonade, Kräutertee und Tomatensaft mit einer Prise Zimt.
Nun trat Raoul Houseman hinter dem Vorhang hervor, setzte sich ans Klavier und spielte als Einleitung Bachs Präludium Nr. 1. Nach drei Wiederholungen wurde er langsam rhythmischer, spielte quasi den Bach im Hillbilly-Stil, und begann dann, mit seinem linken Bein den Rhythmus zu stampfen. Das war Raouls Spezialität. Was immer er auch spielte, Raoul stampfte mit seinem linken Bein den Takt. Stellen Sie sich vor, Sie tanzen einen Square Dance, und der Pianist stampft den Rhythmus so laut und durchdringend, dass Sie im ganzen Leib rhythmisch mitschwingen: Dieser Square Dance endet im Tumult. Die Jugend liebte Raoul Houseman. Szenepianisten der Umgebung begannen, sein Stampfen zu imitieren, den neuen Stil nannte man »House«, und »House«-Parties waren der Renner in den Saloons bis hinunter nach Santa Fé.
Raoul kam immer mehr in sein Element, er rief »Can you feel it!«, und auch die Gäste, sogar einige Mitglieder des Gemeinnützigen Frauenvereins, kamen langsam in Stimmung und nickten rhythmisch mit ihren Köpfen. Der Vorhang wurde hochgezogen. Emmy Henny stand auf der Bühne in einem glitzernden, weiten Kleid und sang zu Raouls Präludium das »Ave Maria« von Charles François Gounod. Emmy hatte einen tollen Sopran drauf. Als das Lied zu Ende war, rief sie »One, two, three, four«, Raoul legte sich ins Zeug und begann zu stampfen wie ein Wilder. Emmys Hühnchen hüpften auf die Bühne und legten zu »An den Ufern des Mexiko Rivers« einen Tanz aufs Parkett, um den sie Paris benieden hätte. Mirror City tobte. Emmy sang:
»An den Ufern des Mexiko Rivers / Steht ein Cowboy, der zittert vor Lust / Doch ich lass ihn auf ewig dort stehen / Er hat viel zuviel Haare auf der Brust! // So ein Mann mit ner Brust wie ein Kuhfell / Ja, das macht mich nun wirklich nicht an / Und wie lang diesem Cowboy sein Colt ist / Darauf kommts mir dann auch nicht mehr an.«
Die Pokerrunde »Herzbube« jauchzte. Die anderen Männer grinsten verlegen, einige Mitglieder des Gemeinnützigen Frauenvereins lachten hämisch und schauten einander vielsagend an. Emmy sang die dritte Strophe:
»In St. Louis, da wartet mein Liebster / Seine Brust ist so glatt wie ein Fisch / Seine Backen so fein wie ein Pfirsich / Den behalt ich auf ewig für mich - noch einmal! - Seine Backen so fein wie ein Pfirsich / Den behalt ich auf ewig für mich!«
Nach diesem Lied und zwei weiteren wurde der Vorhang heruntergelassen. Zar Tristram rief »Borschtsch für alle!« und brachte einen riesigen Topf mit einer roten Brühe aus der Küche. Der Gemeinnützige Frauenverein verzog kollektiv den Mund. Einige Jungen und Mädchen begannen, den Borschtsch in großen Tellern an die Tische zu servieren.
Emmy Henny stellte sich vor den geschlossenen Vorhang auf die Bühne, setzte sich in Pose und verkündete eine Programmänderung: »Und nun zu etwas ganz anderem: Sheriff Sherlock Shiller! Applaus!«
Das Publikum applaudierte, aber zurückhaltend. Der Sheriff stieg auf die Bühne, in der Linken ein Manuskript, in der Rechten ein großes Bier.
»Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Ganz speziell für den heutigen Abend ...« Der Sheriff stockte, das Bierglas zitterte in seiner Hand. Er nahm einen großen Schluck. »O. k., Leute: 'Ode an die Freunde'!
Als der Sheriff dieser Stadt hier / Und als Möchtegern-Poet / In der Hand ein Glas voll Landbier / Sag ich euch, wo's jetzt lang geht: / Wie die Alten, so die Jungen / Geben sich für heut die Hand / Und dann wird vereint gesungen / Denn wir sind ein freies Land!«
Houseman begann eine Melodie von Beethoven zu spielen, der Sheriff griff die Melodie auf und sang die zweite Strophe:
»Freunde, heute wird getrunken / Schnaps und Bier und Kräutertee / Hass und Feindschaft sei'n versunken / Hier in Wolter's Cabaret. / Heute haben wir mal wieder / So wie früher unsren Spaß / Alkohol, Gedichte, Lieder / Und Zar Tristrams Schlangenfraß!«
Unter dem Jubel des Publikums leerte der Sheriff sein Glas in einem Zug und setzte sich an seinen Platz zurück. Der Vorhang wurde hochgezogen, auf der Bühne stand nun Sophies Puppentheaterhäuschen aus dem Kindergarten. Der Kasper erschien im Fenster.
»Hallo Mirror City!« rief der Kasper. »Sie sehen jetzt eine Produktion von Johnny Earp und Sophie Shiller, dem Täubchen: Wie Huge Ball zu Huge Ball wurde.«
»Nein!« schrie Huge Ball. »Johnny, ich bringe dich um!«
Emmy Henny setzte sich zu Huge und legte ihm den Arm um die Schulter. Der Kasper lachte. Huge resignierte.
»O. k., Leute«, sagte der Kasper und setzte sich einen Cowboyhut auf, »ich bin jetzt Old Flatterhand, Revolverheld ohne Glück. Ich erschieße die Whiskyflaschen Stück für Stück.«
Auf der anderen Seite des Puppentheaterfensters erschien eine schwarz gekleidete Puppe mit einem breitkrempigen Hut und einem Degen. »Und ich bin Zoppo, der Geheimnisvolle. Die Frauen lieben mich, doch ich liebe nur meine Flores Dolores, die Blüte des Westens.«
Flores Dolores trat auf und gab Zoppo einen Kuss. Old Flatterhand schoss derweil auf Whiskyflaschen, traf sie aber nicht.
»Die Flaschen«, rief Zoppo, »du musst sie austrinken vor dem Schießen, Flatterhand, sonst merkt man, dass du sie eh nicht träfst! Peng!« Zoppo schoss auf eine Flasche, die vom Rand des Fensters auf den Boden fiel und zersprang. »Ja, Flatterhand, Zoppo trinkt nicht, Zoppo trifft! Haha, Flatterhand, Flatterhaaaaant!«
Huge Ball saß zusammengesunken auf seinem Stuhl, schaute tief ins Glas und in Emmys Ausschnitt. Emmy strich ihm über die Haare.
Unterdessen waren sich Old Flatterhand und Zoppo in die Haare geraten, und Old Flatterhand sagte »Zieh, Zoppo, wenn du ein Mann bist!«, Zoppo zog, machte »Peng!«, und Old Flatterhand krümmte sich schmerzerfüllt und jaulend über den Rand des Fensters hinunter. Als er sich wieder aufrichtete, war sein Unterleib gewölbt, als hätte er zehn Erektionen aufs Mal. »Oooh, meine Bälle«, stöhnte er, »oh weh, meine armen Bälle sind getroffen!«
Flores Dolores trat wieder auf und beugte sich mitleidig über Old Flatterhand. »Oh, mein armer Flatterhand, was hat er dir angetan!« Sie wandte sich um zu Zoppo. »Du Rohling!«, schrie sie ihn an, »Habe ich dir nicht verboten, in der Gegend herumzuballern!«
Zoppo sagte nur »Aber - aber Flores Dolores ...« und trat ab.
Flores Dolores aber wandte sich wieder Old Flatterhand zu und untersuchte seine Verletzung. Old Flatterhand hob sein Hemd, so dass darunter der Oberarm von Johnny Earp sichtbar wurde, an dem zwei Tennisbälle befestigt waren.
»Oh, Flatterhand«, sagte Flores Dolores und fiel fast in Ohnmacht. »Flatterhand, jetzt hast du aber große Bälle, tut es sehr weh, oh, ist das aufregend, oh, Flatterhand, Flatterhand ...« Ein Blatt Papier wurde vor die Szene geschoben mit der Aufschrift »Zensur«, man hörte nur noch Stöhnen. Dann trat Zoppo wieder auf.
»Oh, was muss mein gequältes Herz da sehen! Dieser Säufer Flatterhand und meine geliebte Flores Dolores! Nein, das halte ich nicht aus, das nicht.« Er schoss auf das Blatt Papier, dieses fiel hinunter, Flores Dolores kreischte und kippte sterbend über Flatterhand, der ein schmerzerfülltes »ZOPPPOOOO!« schrie. Zoppo aber setzte sich den Revolver an die Schläfe, machte »Peng!« und fiel aus dem Fenster auf die Bühne.
Der Kasper trat wieder auf, ohne Cowboyhut, und sagte: »Oh weh, unser lieber Zoppo ist tot! Aber Flatterhand lebt, und wie er lebt - Huge Ball, der Mann mit den großen Bällen!«
Der Farmer- und Gewerbeverband applaudierte begeistert, der Gemeinnützige Frauenverein wirkte etwas ratlos. Die Pokerrunde »Herzbube« grölte, und Huge Ball hatte sich in Emmys Arme zurückgezogen. Sophie und Johnny kamen hinter dem Puppenhaus hervor und verneigten sich, der Vorhang wurde heruntergelassen.
Inzwischen war der Borschtsch aufgegessen, die Tische wurden abgeräumt und Bier, Schnaps und Limonade aufgetragen. Raoul Houseman spielte Evergreens in seinem Stampfstil, die Stimmung stieg zusehends. Mrs. Rain setzte sich zum Sheriff an den Tisch und bestellte einen Eierlikör. Emmy Henny ging wieder auf die Bühne und sang, Johnny Earp hatte irgendwo eine Trommel aufgetrieben und sich damit zu Raoul gesellt, und Emmys Hühnchen tanzten eine Mischung aus Cancan und Regentanz. Nach dem dritten Eierlikör schloss Mrs. Rain sich ihnen an, begann sich in eine wilde Ekstase zu steigern und rief wirres Zeug wie »Everybody in the house say yeah!« oder »Da da da, ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht!«. Der Rest der gemeinnützigen Frauen beobachtete mit steigendem Abscheu, wie die Veranstaltung in einen Tumult mündete und honorige Bürger zu Housemans Stampfen zwischen den Tischen herumhüpften und sich krümmten und bogen.

7
Nach diesem Abend nichts mehr wie früher. Darin waren sich fast alle Leute einig in Mirror City. Mrs. Rain wurde vom Gemeinnützigen Frauenverein ausgeschlossen und heiratete Sheriff Shiller. Der Sheriff quittierte den Dienst, um sich der Literatur zu widmen. Später gründeten sie zusammen einen Fonds zur Unterstützung von jungen Künstlerinnen und Künstlern.
Sophie heiratete Johnny Earp. Das erste Kind sollte eigentlich Emmy heißen, aber es wurde ein Junge. Sie nannten ihn Zoppo. Der kleine Zoppo nahm schon im Alter von sechs Jahren Klavierunterricht bei Raoul Houseman. Später wurde er wie sein Großvater Sheriff von Mirror City.
Wolter's Cabaret avancierte dank Raoul Housemans Klavierspiel für kurze Zeit zum Mekka jugendlicher Subkultur. Etwa vier Jahre lang blieb »House« der absolute Trend. Dann kamen plötzlich irgendwelche Immigranten aus Osteuropa und spielten Polka, und schon war Raoul vergessen, und mit ihm Wolter's Cabaret. Raoul setzte sich zur Ruhe, Zar Tristram verkaufte das Lokal an den Gemeinnützigen Frauenverein und zog nach Osten, um in New York ein russisches Restaurant namens »Borschtsch Hall« zu eröffnen.
Und Huge Ball? Huge Ball verschenkte seinen Revolver und schloss sich Emmys Truppe an. Man hat in Mirror City nie wieder von ihm gehört.

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