| Der Supergau Das Ende der Welt wurde eingeläutet durch einen jungen Öko-Aktivisten, sein Name war Hans-Heinrich. Hans-Heinrich war Mitglied der BRUST, das heißt »Bürgerinitiative gegen Risiken im Umgang mit sicherheitsgefährdender Technik«, und ein überzeugter Gegner von allem, was mit »Atom-« und »Kern-« beginnt. Bei Gesprächen in der Cafeteria des Fitnesscenters oder beim Verteilen von Flugblättern warnte er immer wieder vor der Verbreitung »atomistischen Gedankenguts«. In der BRUST fühlte er sich wirklich aufgehoben, sie war ihm fast so etwas wie Mutterersatz, denn von seiner Mutter fühlte er sich verraten und verlassen, seit sie eine zweite Ehe eingegangen war mit einem Mann namens Kerner, der erst noch einen Mikrowellenherd besaß. So verbrachte Hans-Heinrich die Freizeit mit seinen Gesinnungsgenossen, plante Aktionen, verteilte Flugblätter oder kettete sich im gelb-schwarzen Overall an irgendwelche Bahngeleise. Eines Tages beschloss Hans-Heinrich, der bis anhin die Flugblätter nur immer verteilt hatte, selbst eines zu schreiben. Er lieh sich eine mechanische Schreibmaschine, tippte einen Text mit dem Titel »Manifest gegen Atom« und sandte ihn, unter das BRUST-Logo kopiert, an die Presse. Nun war Hans-Heinrich zwar nicht gerade dumm, aber mit der Sprache nahm er es nicht so genau. Zum Beispiel schrieb er wörtlich: »Atom ist schlecht, denn Atom kann uns alle zerstören. Denken wir nur an Tschernobyl und Sellafield! An Hiroschima und Nagasaki! Wehret dem Supergau! Marschieren wir alle vereint und solidarisch gegen Atom!« Natürlich verstehen wir diese Sätze, weil wir eh wissen, was uns einer, der BRUST-Mitglied ist, sagen will, aber etwas unglücklich formuliert sind sie schon. Ein Atomkraftwerk besteht ja nicht aus Atom, wie etwa eine Eisenplastik aus Eisen oder ein Plastikbecher aus Plastik. Und wenn uns jemand mit faulen Tomaten bewirft, nennen wir nicht die Tomaten Arschlöcher. Hans-Heinrichs Text wäre also in dem Sinne zu präzisieren, dass die Kernspaltung sowohl in der friedlichen wie in der unfriedlichen Anwendung gewisse Sicherheitsrisiken berge. Es wäre aber fraglich, ob Hans-Heinrich diese Korrektur gutheißen würde. Das alles wäre noch kein Problem, wären da nicht die Atome, die, ganz im Gegensatz zu Hans-Heinrich, ziemlich dumm sind, es dafür aber mit der Sprache sehr genau nehmen. Hans-Heinrich bestand aus etwa achtzig Quadrilliarden von Atomen, und da ist es nicht erstaunlich, dass einige davon das Manifest irgendwie mitkriegten. Sie rotteten sich zusammen, denn das wollten sie sich nicht gefallen lassen, immerhin wurden sie in dem Text als Gesamtheit verunglimpft und an den Pranger gestellt. In einer Vollversammlung aller Atome Hans-Heinrichs fassten sie den Entschluss, als Strafaktion sofort all ihre molekularen Strukturen aufzubrechen. Hans-Heinrich zerfiel also zu einem Häufchen Wasserstoff und Kohlenstoff. Nach etwa einer Woche fiel in der BRUST das Verschwinden Hans-Heinrichs auf, nach einer weiteren Woche wurde eine Vermisstmeldung ausgegeben, die Polizei nahm Ermittlungen auf. Bei einer Durchsuchung seiner Einzimmerwohnung wurde ein Bekennerschreiben der Vollversammlung von Hans-Heinrichs Atomen gefunden. Es lautete wörtlich: »Heute haben wir in direkter Aktion durch Aufbrechen der molekularen Strukturen im Körper des Menschen Hans-Heinrich der Existenz dieses Körpers ein Ende gesetzt. Diese Aktion ist zu verstehen als Protest gegen die Verunglimpfung der Gesamtheit aller Atome in einem Manifest, als dessen Verfasser besagter Mensch zeichnete. Wir fordern unsere Anerkennung als Elementarteilchen. Wehren wir uns gemeinsam und solidarisch gegen jede Form der Ausgrenzung, nicht nur gegen Rassismus und Sexismus, sondern auch gegen Elementarismus!« In der Folge erregte der Fall Hans-Heinrich internationales Aufsehen. Verschiedene Zeitungen druckten sowohl Hans-Heinrichs Manifest wie auch das Bekennerschreiben der Atome in voller Länge ab, und in den Polizeiministerien diskutierte man die Einführung einer speziellen Antiterroreinheit gegen Atome. Aber auch die Atome in aller Welt wurden aufmerksam. In Jerusalem beispielsweise bildete sich eine ziemlich militante Gruppe mit dem Namen »Atomische Befreiungsfront« (ALO), und in Nürnberg gründeten einige Kohlenstoffatome die »Radikale Atomarische Front« (RAF). Ein halbes Jahr später schlossen sich die verschiedenen Gruppierungen zusammen zum »Internationalen Atomarischen Rat«, je nach Sprachgebiet abgekürzt mit »IAR« oder »IAC« (»International Atomaric Council«). Der IAC wurde bald zur einflussreichsten Organisation der Atome, er nahm Verhandlungen auf mit vielen Regierungen, vor allem aber mit den Instituten für Chemie und Physik an fast allen Universitäten der Erde. Verhandlungsthemen waren anfangs die Anerkennung der Atome als gleichwertige Glieder der Gesellschaft oder ein Verbot der Spaltung von Atomkernen, später mehr und mehr Probleme wie soziale Sicherheit der Atome in chemischen Laboratorien und angemessene Würdigung von Atomen, die der Kernspaltung zum Opfer gefallen waren. Diese Entwicklung des IAC gefiel natürlich vielen radikaleren Atomen nicht, und bald spaltete sich ein linker Flügel ab, angeführt von den Kohlenstoffatomen der ALO und der RAF. Die neue Organisation nannte sich »Atomarische Internationale« und verbreitete Schriften, die zu »atomarischer Solidarität« und »atomarischer Revolution« aufriefen. Das Wort »atomarisch« erreichte in kürzester Zeit eine beispiellose Verbreitung, politisch bewusste Atome bezeichneten sich selbst kaum mehr als Atome, sondern als »Atomarier«, und der Spruch »Atomarier aller Länder vereinigt euch!« beunruhigte zunehmend die Menschen, vor allem diejenigen, die das Zwanzigste Jahrhundert noch erlebt hatten. Grund zur Beunruhigung gab es auch genug; gegen die Demolekularisierungsattentate radikaler Atome war kaum ein Schutz möglich. So wurden an einem Tag der Präsident der Vereinigten Staaten, die Vorsitzende der Kommunistischen Partei der wiedererstandenen Sowjetunion und ein sehr prominenter deutscher Showmaster vor laufenden Kameras demolekularisiert, und die Leibwächter mussten tatenlos zusehen. Ein Sicherheitskonzept war nicht in Sicht, und Verhandlungsdelegationen mussten den Atomen gegenüber immer mehr Zugeständnisse machen. Zwei Tage nach diesen Attentats spaltete sich von der Atomarischen Internationale ein rechter Flügel ab und teilte in einer Presseerklärung mit, dass »einige Atomarier mit gesundem Elementarbewusstsein dem linken Treiben in IAC und Internationale nicht mehr länger zuschauen« könnten. Die Gründung der »Freiheitlichen Atomarischen Partei« (FAP) sei eine Reaktion auf das »konsequente Totschweigen des Elementaristischen Gedankenguts in den offiziellen Medien sowohl der Atome wie auch der Menschen«, die »sämtlich links unterwandert« seien. Weiter schrieb die FAP in der Erklärung, dass die »natürliche Überlegenheit des Atomarischen Elements über alle anderen Lebensformen« nicht bestreitbar sei, da doch alle Materie aus Atomen bestehe und sie somit die Grundlage allen Lebens, das Alpha und das Omega, seien. Die anderen Lebensformen seien deshalb zu unterwerfen oder auszurotten. Die FAP gewann rasant an Einfluss. Den Begriff des Atomariats schränkte sie sehr schnell ein. In der Führungsebene hatten sich vor allem Uranatome versammelt, die sich selbst als das wahre Herrenelement ansahen und andere Elemente, vor allem Kohlenstoff, als minderwertig und »Nichtatomarisch« bezeichneten. Ein eigentlicher Krieg entstand zwischen der FAP und der von Kohlenstoffatomen dominierten Atomarischen Internationale. Noch bevor er offen ausgebrochen war, nannten ihn die Medien den »Ersten Atomkrieg«. Die FAP begann, sogenannte »Konzentrationslaboratorien« einzurichten, in denen Phantastilliarden von Atomen interniert, in ihre Bestandteile zerlegt und zu angereicherten Uranatomen neu zusammengebaut wurden. So wollte die FAP die Welt von allen »unreinen, nichtatomarischen« Elementen »reinigen«. Wie gesagt, die Atome verstanden sich vor allem auf Sprache, nicht aber auf Physik. Es kam der Moment, da war alle Materie im Universum zu angereichertem Uran umgewandelt. Wenn nun aber davon eine bestimmte Menge zu nahe zusammenkommt, die kritische Masse erreicht ist, explodiert es; so funktioniert die Atombombe. Also kam es im ganzen Universum immer wieder zu Explosionen, bis alles Uran aufgebraucht, alle Materie in ihre Protonen, Elektronen und Neutronen zerfallen war. Da das Universum nun nur noch aus Raum und Zeit bestand, war es für den Lieben Gott nicht mehr interessant, und er schmiss es in den Eimer mit der Aufschrift »Recycling«. |
||