| Der im Spiegel war ich Die Decke über mir war mir fremd. Ich rieb mir die Augen und versuchte, mich an den Abend zu erinnern. Es gab keinen. Ich konnte mich nicht entsinnen, einen verbracht zu haben. Die Decke über mir war mir fremd. Von der fremden Decke hing eine fremde Lampe, eine von der Art Lampen, die nicht vorgeben, stilvoll zu sein. Hinter einem fremden Fenster dämmerte ein fremder Morgen, einer von der Art Morgen, die nicht vorgeben, viel versprechend zu sein. Morgen waren noch nie mein Ding. Das Bett, in dem ich lag, roch nach einer Vergangenheit, mit der ich nichts zu tun hatte. Leintuch und Überzüge in einem verblichenen grünlichen Blütenmuster, die Matratze breit und etwas durchgelegen. Ein Wecker auf dem Nachttisch zeigte halb Sieben. An der gegenüber liegenden Wand stand ein Kleiderschrank mit Spiegeltüre, und, immerhin, der im Spiegel war ich. Ich schloss wieder die Augen und versuchte, mich an irgendetwas zu erinnern. Ich erinnerte mich, nach Feierabend mit zwei Kollegen ein Bier getrunken zu haben und dann nach Hause gegangen zu sein. Das wars. Ich erwachte wieder, als sich die Tür zum Zimmer öffnete. Eine Frau stand im Türrahmen und schaute mich an. Sie schaute mich ziemlich betreten an, und wahrscheinlich schaute auch ich sie ziemlich betreten an. Ihr Gesicht war unauffällig, ja durchschnittlich; unter den Augen zeigten sich bereits einige Fältchen. Sie musste so fünf, sechs Jahre älter sein als ich. Aschblondes Haar fiel etwas strähnig auf ihre Schultern, die ausgebleichte Bluse und die beigen Jeans überraschten mich unter dem Eindruck der Bettwäsche nicht wirklich. In meinem Hirn kämpften hundert Fragen darum, welche ich ihr zuerst stellen sollte. »Bitte stell mir jetzt keine Fragen«, sagte sie und setzte sich auf den Bettrand. Ich war ein braver Junge und stellte ihr keine. »Oh Max«, sagte sie, schlang ihre Arme um meinen Oberkörper und grub ihr Gesicht in meine Schulter. Sie nannte mich Max. »Es wird nicht wieder vorkommen«, sagte sie. Flüsterte sie. Von ihrer Hand auf meiner Brust strömte es warm in alle Glieder. Sie zog sich aus und kuschelte sich an mich, und unser Zusammensein war von der sanften Selbstverständlichkeit einer uralten Liebe. Beim Frühstück schwiegen wir. Tranken Tee, lasen die Zeitung. Es war Donnerstag, sagte die Zeitung. Als die Frau ins Bad ging, schaute ich mich in der Küche etwas um. Einige Teller und Tassen lagen unabgewaschen in der Spüle. Eine Einbauküche von der Art Einbauküchen, die nicht vorgeben, jemals modern gewesen zu sein, so eingerichtet, dass ich mit einem Griff fand, was immer ich suchte. Im Radio spielte ein durchschnittlicher Moderator durchschnittliche Musik, und ich fragte mich, ob ich wissen wollte, wo ich war. Die Frau kam zurück, frisch angezogen, lächelte mir zu und begann abzuwaschen. Sie war etwas kleiner als ich, ihr Körperbau irgendwo zwischen schlank und doch nicht wirklich schlank, die Brüste sichtbar, aber nicht wirklich üppig, die Beine nicht wirklich kurz, die Nase nicht wirklich gross. Wäre ich ihr auf der Strasse begegnet, ich hätte sie wohl nicht wahrgenommen. Auch den Nachmittag verbrachten wir grösstenteils schweigend. Ich trug die Kleider, die ich auf einem Stuhl im Schlafzimmer gefunden hatte. Wenn wir sprachen, dann über die belanglosen Dinge des Alltags. Die Nachbarin, deren Hund bald sterben würde, die bevorstehende Bundesratswahl. Ich stellte keine Fragen. Sie kochte für mich am Abend, als wäre es immer so gewesen, sie kochte leidlich, ich machte den Abwasch und rauchte auf dem Balkon eine Zigarette. Im Büchergestell gab es einiges, was mich interessierte, ich suchte mir einen Krimi aus und setzte mich zu ihr aufs Sofa. Nach einer Weile legte sie sich hin, bettete ihren Kopf auf meinen Schoss und schlief ein. Das war mein erster Tag bei ihr. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, kam mir noch einmal kurz der Gedanke, es könnte ein Traum gewesen sein - doch als ich die Augen öffnete und mich neben ihr in den grünlichen Blütenkissen fand, war ich nicht wirklich erstaunt. Ich strich ihr durch die Haare, und wir liebten uns im Halbschlaf. Wir liebten uns oft in den folgenden sieben Jahren, wir liebten uns sanft und zärtlich, liebten uns Nächte und Tage lang, und immer war es, als hätte es nie etwas anderes gegeben als uns beide. Irgendwie gab es auch tatsächlich nichts mehr anderes als uns beide. Wir verliessen nie die Wohnung in den sieben Jahren. Weder sie noch ich. Wir waren einfach da. Sie nannte mich Max, und ich stellte keine Fragen. Nach sieben Jahren änderte sich etwas. Ich erinnere mich genau an die Szene, es ist noch nicht sehr lange her. Wir sassen auf dem Sofa und lasen, als wir hörten, dass jemand an der Wohnungstür rummachte. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss und die Tür wurde geöffnet. Im Türrahmen stand ein Mann, er starrte mich ziemlich entgeistert an, und wahrscheinlich starrte auch ich ihn ziemlich entgeistert an. Der Mann sah genau so aus wie ich. Die Frau stand neben mir, ihre ungläubigen Augen schauten mich fragend an, dann ihn, dann wieder mich. »Max ...«, stammelte sie nur. Der Mann drehte sich um, trat in den Flur hinaus und verschwand. Wir sassen auf dem Sofa, eng umschlungen. Eine Zeitlang weinte sie an meiner Schulter. Als sie sich etwas gefasst hatte, holte ich uns einen Brandy. »Wie heisst du eigentlich?«, fragte ich. |
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